Was bedeutet es eigentlich, einen Hund aus dem Tierschutz zu adoptieren?


Heute möchten wir ein Thema ansprechen, das uns als Tierheim sehr beschäftigt und emotional stark belastet.

Zunächst einmal freuen wir uns von Herzen darüber, dass immer mehr Menschen den Weg über den Tierschutz wählen, um einem Hund ein Zuhause zu schenken. Wir erhalten viele Bewerbungen, die mit grosser Sorgfalt und ehrlichem Interesse ausgefüllt werden. Dafür sind wir sehr dankbar. Doch leider erleben wir immer wieder Situationen, die uns nachdenklich machen.

Wenn wir bei einem Hund in der Beschreibung festhalten, dass er lieber als Einzelhund leben möchte, dann hat das einen Grund. Das bedeutet nicht, dass dieser Hund nicht sozial ist oder andere Hunde nicht mag. Oft ist es vielmehr so, dass ein Hund die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Menschen geniessen möchte oder schlicht nicht bereit ist, sein Zuhause und seine Familie mit einem weiteren Hund zu teilen.

Ebenso gibt es Hunde, die bereits glücklich als Einzelhund in einem Haushalt leben und nicht plötzlich einen Artgenossen vor die Nase gesetzt bekommen möchten – auch wenn ihre Menschen überzeugt sind, ihnen damit etwas Gutes zu tun.

Leider erleben wir häufig, dass solche Entscheidungen von Interessenten nicht akzeptiert werden. Wir werden kritisiert, angegriffen oder mit schlechten Bewertungen konfrontiert. Uns wird vorgeworfen, wir würden unsere Hunde isolieren oder ihnen bewusst Chancen verwehren und das verletzt uns sehr.

Denn unsere Tiere stehen immer an erster Stelle. Jede Vermittlungsentscheidung treffen wir im Sinne des Hundes. Die Hunde können nicht für sich selbst sprechen. Sie verlassen sich darauf, dass wir ihre Bedürfnisse erkennen und für sie die richtige Entscheidung treffen. Natürlich gab es auch Situationen, in denen wir unsere eigenen Bedenken zurückgestellt haben. Weil wir einem Hund keine Chance verbauen wollten. Weil wir gehofft haben, dass es vielleicht doch funktionieren könnte.

Doch leider trat oft genau das ein, wovor wir von Anfang an Sorge hatten.

Der bereits vorhandene Hund war plötzlich unglücklich, weil er sein Zuhause, seine Menschen und seine Aufmerksamkeit teilen musste. Oder der neu eingezogene Hund beanspruchte verständlicherweise so viel Zeit und Energie, dass der vorhandene Hund zu kurz kam. Manchmal entstanden Spannungen, Konflikte oder sogar ernsthafte Probleme zwischen den Hunden. Und am Ende musste der Hund wieder zurück ins Tierheim.

Jedes Mal sagen wir uns danach: Das war das letzte Mal, dass wir von einer bewusst getroffenen Entscheidung abweichen. Nicht, weil wir stur sein wollen. Sondern weil wir gelernt haben, dass unsere Verantwortung dem Hund gegenüber grösser ist als der Wunsch, es allen Menschen recht zu machen. Denn für einen Hund gibt es kaum etwas Schlimmeres, als sein neues Zuhause wieder zu verlieren. Wieder eine Enttäuschung. Wieder ein Vertrauensbruch. Wieder die Erfahrung, dass Menschen nicht bleiben.

Doch es gibt noch ein weiteres Problem, das wir immer häufiger beobachten:

Die Erwartungen an Hunde sind enorm geworden. Kaum ist ein Hund eingezogen, soll alles funktionieren. Er soll sofort stubenrein sein. Er soll den Tagesablauf seiner neuen Familie verstehen. Er soll nicht bellen, nicht an der Leine ziehen, nicht aufgeregt sein, nicht unsicher sein und am besten nach jedem Spaziergang ruhig auf seiner Decke liegen und schlafen. Kurz gesagt: Er soll sich vom ersten Tag an perfekt anpassen. Dabei vergessen viele Menschen, was ein Umzug für einen Hund bedeutet.

Er verliert seine gewohnte Umgebung, vertraute Gerüche, bekannte Menschen und oft alles, was ihm bisher Sicherheit gegeben hat. Er muss erst lernen, wem er vertrauen kann, welche Regeln gelten und was von ihm erwartet wird. Vertrauen entsteht nicht innerhalb weniger Stunden. Bindung wächst nicht über Nacht. Und ein Hund braucht Zeit, um anzukommen. Trotzdem hören wir immer wieder Aussagen wie:

„Wir haben uns das einfacher vorgestellt.“

„Er fühlt sich bei uns nicht wohl.“

„Unser Tagesablauf passt doch nicht zum Hund.“

„Draussen bellt er alles an.“

„So haben wir uns das nicht vorgestellt.“

Die Liste liesse sich noch lange fortsetzen. Was uns dabei besonders traurig macht: Viele Menschen sind nicht bereit, gemeinsam mit dem Hund zu wachsen und Herausforderungen anzugehen. Statt als Team zusammenzuwachsen, wird erwartet, dass sich der Hund sofort und bedingungslos anpasst.

Doch Hunde sind keine Maschinen. Sie sind Lebewesen mit Gefühlen, Erfahrungen, Ängsten und Bedürfnissen.

Und letztendlich spielt es keine Rolle, woher ein Hund kommt – ob aus dem Tierschutz, von einem Züchter, von einem Bauernhof oder aus privater Hand. Jeder Hund verdient Menschen, die Verantwortung übernehmen, ihn ernst nehmen und bereit sind, ihn auch dann zu begleiten, wenn nicht alles perfekt läuft. Denn wir Menschen sind ebenfalls nicht perfekt. Wenn wir einen schlechten Tag haben, ungerecht sind oder Fehler machen, verzeiht uns der Hund fast alles. Er liebt uns bedingungslos. Doch macht der Hund einen Fehler, entspricht nicht den Erwartungen oder funktioniert nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben, wird er oft bestraft, abgeschoben oder aufgegeben. Und genau das macht uns traurig. Manchmal so sehr, dass wir uns fast nicht mehr trauen, unsere Tiere zu vermitteln. Denn sagen kann man vieles. Bewerbungen können wunderschön geschrieben sein, Versprechen können ehrlich klingen, doch in den Menschen hineinschauen können wir nicht.

Was wir können, ist unser Bestes geben. Für jeden einzelnen Hund, jeden Tag aufs Neue, und genau das werden wir auch weiterhin tun!

Danke, dass ihr euch Zeit zum Lesen genommen habt, dieser Blog darf auch sehr gerne geteilt werden. Vielleicht können wir dann die einen der anderen zum drüber nachdenken anregen, im Sinne der Tiere.