
In was für einer Welt leben wir nur?
Am Dienstagabend erreichte uns ein verzweifelter Anruf aus Basel. Auf einem Bauernhof waren drei kleine Kätzchen zur Welt gekommen, doch ihre Mutter war nicht bei ihnen. Der Plan der Bauern: Die hilflosen Babys kurzerhand an die Wand zu schlagen, um ihr Leiden zu „erlösen“.
Zum Glück bekam jemand davon mit. Ohne zu zögern rettete diese Person die drei Kleinen. Doch damit war die Not noch lange nicht vorbei.
Die Finderin ist voll berufstätig und konnte die Kätzchen nicht rund um die Uhr versorgen. Denn drei mutterlose Kitten aufzuziehen bedeutet weit mehr als „Jööö, herzig“ und ab und zu ein Schoppen zu geben.
So kleine Katzen brauchen Betreuung rund um die Uhr. Sie müssen alle zwei Stunden gefüttert werden und unsere drei waren sogar noch zu schwach, um selbst am Schoppen zu trinken. Deshalb müssen sie zunächst über eine Sonde ernährt werden.
Dabei geht es um lebenswichtige Details: Wie viel Milch darf ein so kleines Kätzchen abhängig von seinem Körpergewicht bekommen? Wie muss die Milch temperiert sein? Wie schnell darf sie aufgenommen werden? Schon kleine Fehler können schwerwiegende Folgen haben, bis hin zu einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung oder Verletzungen des noch winzigen Magens.
Und dann ist da noch das sogenannte „Toiletting“.
Neugeborene Kätzchen können in den ersten Lebenswochen ihren Urin und Kot noch nicht selbstständig absetzen. Normalerweise übernimmt diese Aufgabe die Katzenmutter, indem sie die Kleinen durch Lecken im Genital- und Bauchbereich stimuliert. Fehlt die Mutter, müssen wir Menschen diese Aufgabe übernehmen, in dem wir sie ganz vorsichtig mit einem warmen Tuch massieren.
Eine erfolgreiche Handaufzucht braucht deshalb Erfahrung, Wissen, viel Zeit und vor allem die Bereitschaft, Tag und Nacht Verantwortung zu übernehmen. Bei besonders schwachen Kitten ist in den ersten Tagen manchmal sogar die Sondenfütterung notwendig. Auch das muss fachgerecht durchgeführt werden, denn bei einem Fehler kann es für ein winziges Leben unmittelbar gefährlich werden.
Auch in diesem Notfall haben wir nicht gezögert.
Unsere Kitten-Spezialistin und Tierheimleiterin Steffi Fontana machte sich am Dienstagabend noch auf den Weg nach Basel und holte die drei Babys ab.
Seitdem hat sie wieder einen Fulltime-Job: füttern, wärmen, kontrollieren, stimulieren, beobachten und vor allem kämpfen, dass die 3 Winzlinge eine Chance auf ein Leben haben.
Wir hoffen von Herzen, dass sie es schaffen und sie kräftig genug werden, dass aus diesen drei kleinen Babys eines Tages drei grosse, glückliche Katzen werden, die ein sorgenloses Leben leben dürfen.
Doch dieser Fall macht uns nicht nur traurig. Er macht uns auch wütend und nachdenklich.
Denn diese drei Kitten sind kein Einzelfall. Sie sind ein Symptom eines Problems, das uns Tierschützerinnen und Tierschützer seit Jahren beschäftigt: die unkontrollierte Vermehrung von Katzen.
Immer wieder kommen ungewollte Würfe zur Welt. Immer wieder werden Katzen ausgesetzt, zurückgelassen oder einfach ihrem Schicksal überlassen. Und immer wieder landen die Folgen dieser unkontrollierten Vermehrung bei den Tierheimen und Tierschutzorganisationen.
Wir sind es, die mitten in der Nacht ausrücken.
Wir sind es, die Fläschchen und Sonden vorbereiten.
Wir sind es, die um jedes einzelne Gramm kämpfen.
Wir sind es, die schlaflose Nächte verbringen und versuchen, Leben zu retten, die eigentlich gar nicht erst hätten in diese Not geraten dürfen.
Wir sind es, die die Verantwortung tragen, um den Kätzchen dann auch ein bestmögliches Zuhause zu suchen.
Und wir sind längst am Limit.
Die Tierheime sind voll. Die personellen und finanziellen Ressourcen sind begrenzt. Gleichzeitig kommen immer neue Notfälle hinzu.
Deshalb fordern wir seit Langem eine verbindliche Lösung zur Eindämmung der unkontrollierten Katzenvermehrung, insbesondere eine Kastrationspflicht für (Freigänger)katzen.
Das Thema ist komplex und muss sachlich, tierschutzgerecht und mit klaren Rahmenbedingungen gelöst werden. Aber eines ist für uns klar: Wegschauen kann keine Lösung sein.
Denn solange sich Katzen unkontrolliert vermehren, werden weiterhin ungewollte Würfe geboren. Und solange niemand Verantwortung übernimmt, werden am Ende diejenigen gerufen, die ohnehin schon alles geben: die Tierheime, die Tierschutzorganisationen und die Menschen, die nachts aufstehen, wenn andere längst schlafen.
Drei kleine Kitten hatten dieses Mal Glück. Jemand hat nicht weggeschaut.
Jetzt kämpfen wir dafür, dass sie leben dürfen. Aber wie viele werden dieses Glück nicht haben?
Und wie lange wollen wir noch zulassen, dass solche Geschichten überhaupt passieren?
Wir wünschen uns eine Schweiz, in der jedes Tierleben von Anfang an als das behandelt wird, was es ist: ein Leben, keine Ware und kein überflüssiger Nachwuchs, den man einfach beseitigen kann.
Drückt unseren drei kleinen Kämpfern die Daumen.
